Heimat & Flucht

2016 lernt Till Velten in Zürich Theodor und Emmanuel von Oppersdorff kennen, Nachfahren des Grafen Franz Joachim von Oppersdorff (1778-1818). Auf dessen Schloss in Oberglogau (Schlesien, heute Polen) hatte der Komponist Ludwig van Beethoven 1806 für einige Monate Zuflucht vor finanziellen und privaten Problemen gefunden. 

 

Ende 1805 hatte Napoleon Wien besetzt. Der Adel, der Beethoven mehrheitlich finanzierte, hatte die Stadt fluchtartig verlassen. Beethoven, einst Bewunderer Napoleons, hatte ihm die Dritte Symphonie – die Eroica – gewidmet, diese Widmung aber wutentbrannt zerrissen, als dieser sich zum Kaiser krönen liess. 

 

Obwohl der Graf dem Komponisten einen Vorschuss für die Zueignung der Fünften Symphonie bezahlt hatte, verkaufte sie Beethoven aus finanzieller Not auch anderweitig. Dafür entschuldigte er sich und widmete von Oppersdorff die ebenfalls von ihm finanzierte Vierte Symphonie. Die Uraufführung fand 1807 unter Beethovens Leitung 1807 im Palais des Fürsten Lobkowitz in Wien statt. 

 

Gegenwärtig ist Wien nicht von einem feindlichen Heer besetzt. Aber als Till Velten seine Stelle als Professor an der Sigmund Freud Universität (SFU) in Wien antritt, fällt ihm die Omnipräsenz der Geflüchteten in der Stadt auf.    

 

Die ambivalenten Gefühlswelten & Weltbilder in der Bevölkerung und bei den Geflüchteten selbst sind so stark zu spüren, dass Velten beginnt, Skizzenbücher mit Zeitungsbildern und dazu gemalten Wörtern zu füllen. Diese insgesamt zehn Bücher zur Fluchtthematik, die Begegnung mit der Grafenfamilie von Oppersdorff sowie die Ambivalenz der so komplexen wie desaströsen wie paradoxen "Flüchtlingskrise" dienen dem Künstler als Ausgangsmaterial, als Stoff für das Projekt symphony.land.